Gemeinsam gestalten, gemeinsam wohnen: Hagen schafft Platz für Jung und Alt
Ausgangssituation
Das Dorf Hagen (Neustadt am Rübenberge) in der Region Hannover ist – trotz guter S-Bahn-Anbindung – von den typischen Herausforderungen ländlicher Wohnungsmärkte geprägt: eine monofunktionale Struktur, teilweise ungenutzte bauliche Reserven und eine weitgehend homogene Bevölkerungsstruktur. Es fehlten passende Wohnangebote sowohl für junge Familien als auch für ältere Menschen. Seniorenwohnungen waren im Ort kaum vorhanden, während bestehende Einfamilienhäuser häufig über- oder unterbelegt waren. Zudem mangelte es an zentralen Begegnungsorten, die generationenübergreifendes Wohnen und soziale Teilhabe ermöglichen. Die Situation machte den Bedarf an integrierten Ansätzen zur Nachverdichtung, sozialer Durchmischung und bedarfsgerechter Wohnraumversorgung deutlich.
Ziel
Durch die Umnutzung bestehender Gebäude und einen ergänzenden Neubau mit zwölf Wohneinheiten entstand in Hagen ein neues soziales Zentrum. Ältere Menschen können dadurch im vertrauten Umfeld wohnen bleiben und aktiv am Dorfleben teilhaben. Die daraus entstehenden Umzugsketten führten dazu, dass bestehende Einfamilienhäuser frei wurden und für junge Familien als familiengerechter Wohnraum zur Verfügung stehen. Die Maßnahme fördert eine ausgewogene soziale Durchmischung und stärkt zugleich die Vernetzung im Dorf – insbesondere durch den neu entstandenen Ortskern als zentraler Treffpunkt. Der Mehrgenerationenansatz schafft Synergien zwischen Wohnen und Begegnung, stärkt die Dorfgemeinschaft und reagiert auf unterschiedliche Bedürfnisse im Ort.
Maßnahmen und Umsetzung
Der Verein „Dorfgemeinschaft Hagen e. V.“ erwarb von der evangelischen Kirche zentrale Flächen und Gebäude im Dorf – darunter das ehemalige Pfarrhaus sowie das ehemalige Gemeindehaus von der Kirchengemeinde. Das Pfarrhaus wurde komplett saniert und in eine Kindertagesstätte umgewandelt. Das ehemalige Gemeindehaus wurde ebenfalls komplett saniert und um einen Anbau mit einer neuen Küche und weiteren Funktionsräumen erweitert. Heute fungiert der Gebäudekomplex als Dorfgemeinschafts- sowie Multifunktionshaus. Auf einer angrenzenden Brachfläche entstand ein barrierefreies Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohneinheiten für Seniorinnen und Senioren. Durch die gezielte Entwicklung im Ortskern wurden die erhofften Umzugsketten ausgelöst: Ältere Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner zogen in das neue Wohngebäude, ihre bisherigen Einfamilienhäuser wurden für junge Familien frei. Zusätzlich entstanden multifunktionale, barrierefreie Raumangebote im Ortskern, die für Veranstaltungen und gemeinschaftliche Aktivitäten genutzt werden können. Auch die räumliche Nähe von Kita und Seniorenwohnhaus und die teilweise gemeinsame Nutzung von Angeboten beider Einrichtungen fördern den generationenübergreifenden Austausch und stärken das soziale Miteinander im Ort. Die Maßnahme wurde durch Mittel der Dorfentwicklung Mühlenfelder Land ermöglicht, die gezielt für Innenentwicklung eingesetzt wurden. Weitere Zuschüsse hat die Stadt Neustadt am Rübenberge geleistet – z. B. für die Errichtung der Mensa im alten Gemeindesaal.
Ressourcenschonend und bezahlbar
Obwohl die Reduktion von Flächen im eigentlichen Neubaukonzept nur eine untergeordnete Rolle spielte, zeigte sich in der Gesamtauswirkung ein deutlich ressourcenschonender Ansatz: Durch die gezielte Umnutzung und Ergänzung bestehender Gebäude konnten Einfamilienhäuser, die zuvor oft nur von Einzelpersonen oder Paaren bewohnt waren, nach dem Auszug neu belegt und effizienter genutzt werden. Zusätzlich wurden Grundstücke geteilt und kleinere Umzugsketten angestoßen, wodurch eine deutlich dichtere Nutzung der vorhandenen Flächen für Einfamilienhäuser möglich war. Der vorhandene Gebäudebestand blieb weitgehend erhalten, was nicht nur Ressourcen sparte, sondern auch half, Identifikation mit dem Ort zu erhalten und zu stärken. Der Mietpreis für eine Wohnung im Neubau liegt aktuell bei rund 10,00 Euro/Quadratmeter netto/kalt. Ergänzende Dienstleistungen wie ein ambulanter Pflegedienst werden extern organisiert, da eine dauerhafte Vorhaltung vor Ort wirtschaftlich nicht tragfähig wäre. Die Wohnungen selbst unterliegen keiner festen Belegungsbindung, wurden jedoch überwiegend an Seniorinnen und Senioren vergeben, die sich aktiv gemeldet hatten und jeweils eine Wohnung nach ihren individuellen Wohnbedürfnissen erhielten.
Finanzierungslücken und Herausforderungen
Das Projekt profitierte von städtebaulichen Fördermitteln im Rahmen der Dorfentwicklung Mühlenfelder Land, einer Verbunddorferneuerung mit vier kooperierenden Dörfern. Die Region gilt als eine der erfolgreichsten Dorfentwicklungsgebiete in Niedersachsen. Das Dorfgemeinschaftshaus und das neue Wohnhaus für die Seniorinnen und Senioren in Hagen erhielten jeweils eine Förderung in Höhe von 500.000 Euro. Die Umsetzung war mit erheblichen Verzögerungen verbunden. Die Corona-Pandemie, Lieferengpässe und auslaufende Förderbescheide erschwerten die Aktivierung der Mittel. Besonders problematisch war die Eigentumsfrage: Die kirchlichen Liegenschaften konnten erst nach langwierigen Abstimmungen übernommen werden. Der Denkmalschutz stellte indes kein wesentliches Hindernis dar. Allerdings war die Einhaltung der Dorfgestaltungssatzung Voraussetzung für die Förderung.
Übertragbarkeit auf andere Städte und Gemeinden
Die gezielte Förderung und Schaffung von bedarfsgerechtem Wohnraum zeigt sich als wirkungsvoller Hebel, um weitere vorhandene Wohnflächen im Gebäudebestand zu aktivieren. Durch die Kombination von ergänzendem Neubau und Umzugsketten wurde eine effizientere Nutzung der bestehenden Wohngebäude im Ort möglich.
Zentraler Erfolgsfaktor war und ist die enge Zusammenarbeit zwischen Kirche, Vereinen, engagierter Bürgerschaft und Politik – insbesondere, wenn kirchliche Liegenschaften in zentraler Lage bestehen, die für die Gemeindeentwicklung von hoher Bedeutung sind. Ein frühzeitiger Dialog schuf wichtige Voraussetzungen für tragfähige Lösungen. Auch die Inanspruchnahme von Fördermitteln aus der Dorfentwicklung eröffnete finanzielle Spielräume bei der Gestaltung von Maßnahmen zur Nachnutzung, Umnutzung und gemeinschaftlichen Angeboten. Bei Umnutzungen und Sanierungen im Ortskern ist es zudem empfehlenswert, auch die gestalterische Aufwertung des Umfelds mitzudenken und entsprechende Maßnahmen – etwa im öffentlichen Raum – ebenfalls mitzufinanzieren. So entsteht nicht nur ein funktionaler, sondern auch ein identifikationsstärkender Beitrag im Herzen des Dorfes.
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