Ein Interview mit Christoph Guder, Geschäftsführer der LUCHS Akademie GmbH - Akademie für Nachwuchsförderung und berufliche Entwicklung

Auszubildende stehen zwischen und vor dem Schriftzug I love Gastro.

I LOVE GASTRO – das ist der klangvolle Name des Projekts der Luchs Akademie im Harz. Das Ziel des Projekts ist, die Auszubildenden der Jahrgänge 2020/2021 auf die komplexen Anforderungen einer Berufsausbildung vorzubereiten um Ausbildungsabbrüche zu reduzieren und das Image des Gastgewerbes als Arbeits- und Ausbildungsplatz zu verbessern.

In dem von der NBank geförderten Projekt, versuchen die Verantwortlichen die Bedürfnisse und Wünsche von einerseits Berufsschulen und Betrieben sowie andererseits von Auszubildenden zu vereinen. Dabei ist den Verantwortlichen besonders wichtig, die Auszubildenden individuell abzuholen, denn eine Ausbildung soll „Spaß machen und etwas anderes sein als Schule.“

Im Rahmen des Projektes sind Ausbildungsbetriebe und Auszubildende der Fachrichtungen „Hotelfachmann/-frau“, “Restaurantfachmann/-frau“, „Hotelkaufmann/-frau“, „Koch/Köchin“ sowie „Fachkraft Gastgewerbe“ der Berufsschule Bad Harzburg während ihres jeweils ersten Ausbildungsjahres durch aufeinander aufbauende Module berufsspezifisch begleitet worden.

Das Projekt wurde mit Mitteln des ESF-Programms „Innovative Bildungsprojekte der beruflichen Erstausbildung" gefördert.

Auszubildende Person im Projekt I love Gastro mit Teller in der Hand.

Wie haben Sie das Projekt vorbereitet und was war dabei Ihr Schwerpunkt?

Wir haben uns im Vorfeld mit allen Beteiligten zu einem Workshop zusammengefunden, um Inhalte abzustimmen, damit wir nicht an der Realität vorbei arbeiten. Im Anschluss sind wir dazu übergegangen, die einzelnen Module des Workshops zusammen mit ausgebildeten Trainer/-innen für Methodenkompetenz und Führungskräften bzw. Ausbildenden mit Fachkompetenz zu entwickeln. Wir haben also alle Beteiligten an einen Tisch gebeten.

Welchen Beitrag kann „I LOVE GASTRO“ z.B. zur Bewältigung des Fachkräftemangels leisten?

Die Chancen liegen in der Kombination von Methoden- und Fachkompetenz, welche die Lerninhalte ganz eng mit dem täglichen Alltag der Auszubildenden verbindet. Der Lernerfolg wird dadurch nachhaltig ermöglicht. Durch „I LOVE GASTRO“ sollen sich die Auszubildenden besser mit dem Gastgewerbe und dem persönlichen Ausbildungsbetrieb identifizieren. Dadurch sollen Ausbildungsabbrüche verringert werden, wodurch ein Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet werden kann.

Welche Herausforderungen kamen auf die Beteiligten zu?

Für die Auszubildenden bestand die Herausforderung, darin, sich auf die neue Form des Umgangs mit ihnen und auf die Aufarbeitung verschiedener Themen, auch im Betrieb, einzulassen. Eine besondere Herausforderung haben wir in der Beteiligung der Betriebe und Unternehmen gesehen, die in einem parallelen Prozess begleitet werden sollten. Denn der Plan war es ja, die Betriebe ebenfalls in den Prozess mit einzubeziehen und Module mit den Führungskräften durchzuführen, um die Ergebnisse abzugleichen. Dadurch sollten Schnittmengen bzw. Differenzen in der unterschiedlichen Wahrnehmung zwischen Auszubildenden und Ausbildungsbetrieben deutlich gemacht werden. Die Fragen, die sich in diesem Zusammenhang immer stellen sind „Was erwarte ich von meinem Ausbildungsbetrieb und wie will ich behandelt werden?“ und natürlich aus Sicht der Betriebe „Was erwarte ich von Auszubildenden und wie will ich als Ausbilder/-in behandelt werden?“ Dabei wurde klar: Die meisten Schwierigkeiten entstehen durch eine falsche Vorstellung beider Seiten, die durch das Projekt aufgelöst werden sollte.

Auszubildende Person im Projekt I love Gastro mit Teller in der Hand.

Welche Chancen ergeben sich dadurch für die beiden Zielgruppen Auszubildende und Betriebe?

Für Auszubildende bietet dies die Chance, Wertschätzung zu erfahren und eine Identifikation mit dem Ausbildungsbetrieb aufzubauen. Für Betriebe kann eine Bindung der Auszubildenden an die Branche und das Unternehmen gelingen sowie eine Stärkung der Methodenkompetenz und der didaktischen Kompetenz der Ausbildenden und Führungskräfte.

Wie gelingt es Ihnen eine Unternehmenskultur zu entwickeln, die eine erfolgreiche Ausbildung ermöglicht und Ausbildungsabbrüchen vorbeugt?

Der Schlüssel liegt in der offenen und wertschätzenden Unternehmenskultur, die es einem Menschen ermöglicht, sich weiterzuentwickeln, und dabei fair honoriert wird. Eine solche Kultur kann nur entstehen, wenn ein Betrieb sich dieser Punkte annimmt. Wenn Auszubildende sich in einem Unternehmen wohl fühlen und wertgeschätzt werden, können auch so manche negativen Erfahrungen kompensiert werden. Ist dies nicht der Fall, ist ein Abbruch der Ausbildung oder der Wechsel des Ausbildungsbetriebes eine mögliche Folge.

I love Gastro hat Potential zum Transfer auf andere Betriebe und Branchen!“ Martin Schikora, ESF-Berater

Bei der Umsetzung der Module setzen Sie erlebnisorientierte Lehrmethoden der themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn ein. Wie erfolgt das konkret? Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Wir setzen in unseren Trainings methodisch und didaktisch u. a. auf das Prinzip „Menschen lernen am besten, wenn sie auch Spaß daran haben“. Wir gestalten unsere Seminare in einem angstfreien Lernumfeld, d.h.: Fehler dürfen passieren und sind elementarer Bestandteil lösungsorientierter Weiterentwicklung. Durch den methodischen Ansatz aus der TZI, die Lerninhalte abwechslungsreich zu gestalten, schaffen wir Erlebnistiefe für die Lernenden. In den durchgeführten Seminaren konnten wir z.B. mit sogenannten situativen Trainings die Teilnehmenden nahezu 1:1 in ihrem aktuellen Arbeitsumfeld „abholen“. Die Trainings werden durch die Trainer/-innen begleitet und mit der gesamten Gruppe aufgearbeitet und im Feedback ausgewertet. Den Teilnehmenden wird somit in einer entspannten Atmosphäre durch die Kommilitonen direkt ein Feedback auf gezeigtes Verhalten gegeben und sie haben unmittelbar die Möglichkeit zur Verbesserung im Neuversuch.

Welche Erfahrungen haben Sie bislang gemacht? Wo mussten Sie umsteuern?

Das Projekt war durchgängig durch die Covid-19-Pandemie begleitet. Gerade das Gastgewerbe war in dieser Zeit mit enormen Schwierigkeiten, teilweise sogar existenziellen Schwierigkeiten, konfrontiert. Das hat sich vor allem auf den Prozess mit den Führungskräften ausgewirkt. Hier wurden mehrere Versuche unternommen, die Module zu starten, die jedoch immer wieder scheiterten. Dies lag entweder an der mangelnden Rückmeldung zu Teilnahmen oder an den geltenden Kontaktregelungen. Die Module mit den Auszubildenden haben dagegen wie geplant stattfinden können. Einige Termine mussten verschoben werden und die zweitägigen Module konnten nicht wie geplant mit Übernachtung stattfinden, sondern wurden als Tagesmodule durchgeführt. Im ersten Projektjahr wurden Module „Fachsprache“ wöchentlich, jeweils 2-stündig, angeboten, was sich als nicht so glücklich herausgestellt hat. Im 2. Projektjahr sollten hier Halbtagesseminare stattfinden. Diese mussten jedoch ebenfalls aufgrund der Covid-19-Pandemie gestrichen werden.

Projektablauf

Was ist Ihr bisheriges Resümee? Was können Sie davon anderen Projekten und Interessierten „ans Herz“ legen? Welche Ihrer Erfahrungen sind für andere Branchen interessant und übertragbar?

Insgesamt ist das Projekt bei allen Beteiligten sehr gut angekommen. Gerade in der Hochphase der Pandemie war es für die Auszubildenden enorm wichtig, hier weiter betreut zu werden, um eine Bindung an das Gastgewerbe und die Betriebe herzustellen. Die Wenigsten konnten durch die Schließungen über Kontakte und das eigentlich entscheidende, den Kontakt zum Gast, im beruflichen Alltag berichten. Durch die situativen Trainings im Projekt und den offenen Austausch mit den Fachleuten aus der Branche, konnte hier zumindest ein Teil kompensiert werden. Wir können nur allen ans Herz legen, Ausbildung und Lernen mit Erleben zu kombinieren. Nur durch eine solche Kombination kann ein nachhaltiger Erfolg einsetzen und hierfür bedarf es mehr als nur fachlicher Kompetenz. Dies trifft auf alle Bereiche und Branchen zu. Die Unternehmen und Betriebe, egal welcher Branchen, die wenig bis keine Auszubildenden bekommen oder bei denen sich die Auszubildenden zu einem anderen Unternehmen orientieren, sollten sich die Frage stellen, ob sie als Unternehmen die Werte Wertschätzung, Weiterbildung und faire Honorierung auch leben. Wir haben ganz viele großartige junge Auszubildende kennengelernt, die tolle Ergebnisse in den Modulen erarbeitet haben und von deren Potenzial nicht selten gerade die Trainer/-innen überrascht waren. Dieses Erlebnis wünschen wir allen Ausbilder/-innen im täglichen Alltag! Dazu muss man nur wissen, wie man Auszubildende zur Entfaltung ihres Potentials bringt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Bildnachweise: LUCHS Akademie GmbH

Innovative Bildungsprojekte der beruflichen Erstausbildung

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Claudia Chriss

Claudia Chriss

Niedersächsisches Kultusministerium